Kassandra e.V. | Prostituiertenselbsthilfe & Beratungsstelle
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Sexworker haben das Wort

Statements, Geschichten, schönes, ärgerliches oder was ihr schon immer einmal sagen wolltet:

Schreibt einfach einen Eintrag, auch gern anonym.

Wir freuen uns auf eure Kommentare.

 

  1. Verfasst von: Doris


    Wir wollen nicht gerettet werden!

    Mich nervt die alltägliche Übergriffigkeit gegen Sexarbeiter_innen durch vermeintlich wohlgesonnene Zeitgenossen. Sie glauben zu wissen, wie es uns bei unserer Arbeit ergeht, beschreiben aber lediglich ihre eigenen, ausgesprochen fiesen Phantasien hierüber, vermutlich ohne dies auch nur zu merken. Ich frage mich, woher Menschen ihre felsenfeste Überzeugung nehmen, unser Job müsse ganz schrecklich für uns sein. Nur weil sie sich das so gruselig vorstellen, entspricht dies doch noch lange nicht der Realität.
    Für mich persönlich kommt vieles überhaupt nicht in Frage, vom Bungee-Sprung über strikte Religiosität bis hin zum Berufspolitikerdasein… trotzdem kann ich es problemlos damit umgehen, wenn andere Menschen genau dieses oder jenes für sich prima finden. Ich will weder missioniert werden, noch andere zu irgendetwas bekehren. Leben und leben lassen.
    Ganz klar: nicht jede_r ist für diese Arbeit als Prostituierte_r geschaffen und sollte sie dann folglich auch nicht tun. Es gibt genügend Alternativen, seine Brötchen zu verdienen.
    Sexarbeit hat nichts damit zu tun, sich „benutzen“ oder über sich „verfügen“ zu lassen. Professionelle Prostituierte gestalten das Geschehen aktiv, kennen sehr genau ihre persönlichen Grenzen und sind in der Lage, diese zu wahren. Für unerfahrene Anfängerinnen braucht es fachkundige Beratung, Professionalisierung und Bildung, selbstverständlich immer auch reflektierend, ob der Job der richtige ist.
    Während meiner langjährigen Tätigkeit als Hure bin ich kein einziges Mal von einem Kunden misshandelt oder vergewaltigt worden (und wenn, hätte ich schlicht den Rechtsweg beschritten). Manches Mal musste ich mir Respekt verschaffen und mich gegen beleidigendes Verhalten wehren. Das müssen Menschen in vielen anderen Jobs ebenfalls gelegentlich. Verkauft habe ich mich übrigens auch noch nie: ich bin nämlich immer noch da, eigenmächtig und eigenwillig. Und genau deshalb verbitte ich mir jegliche Zwangsrettung!

  2. Verfasst von: Maria van Daarten


    Liebe Sexarbeiter/innen und alle, die an dem Thema interessiert sind!
    Mein Name ist Maria. Ich habe viele Jahre freiwillig, gerne, aber heimlich, im In- und Ausland als Prostituierte gearbeitet. Angefangen habe ich nebenberuflich in Clubs und aufgehört als selbstständiges Callgirl.
    Jetzt habe ich ein Buch veröffentlicht, dass einen Teil meiner größtenteils positiven Erlebnisse wiedergibt. Ich wünsche mir sehr, dass es dazu beiträgt, dass sich das Bild unseres Berufstandes in unserer Gesellschaft positiv verändert.
    Der Roman handelt von Frauen, die freiwillig und selbstbestimmt als Prostituierte arbeiten und gibt dabei einen urteilsfreien und freundlichen Einblick in die Sexualität der Männer, die als Kunden zu uns kommen. – Es ist eine unbeschwerte Lektüre, leicht lesbar, menschlich und offen.
    Deshalb eignet es sich sehr gut zur Meinungsbildung über Prostitution und gibt der Öffentlichkeit einen ehrlichen Einblick in uns, als Menschen, und in unsere Tätigkeit.

    Die Tatsache, dass ich dieses Buch geschrieben habe, muss ich leider genauso verheimlichen, wie meinen ehemaligen Job. Und so ist es schwer für mich, es bekannt zu machen. Deshalb erlaube ich mir hier, einen kleinen Hinweis darauf zu geben:
    Erhältlich ist es bei Amazon in Form von Taschenbuch und E-Book. Dort kann man auch gratis die Leseprobe herunterladen.
    Der Titel ist: „Von Höhepunkt zu Höhepunkt“
    Name der Autorin: Maria van Daarten
    E-Book ASIN: B01KU65DGO
    Taschenbuch: ISBN 978-3-00-054409-5

    Ich bedanke mich, dass ich mich und mein Buch hier vorstellen darf und grüße euch herzlich,
    eure Maria

  3. Verfasst von: Doris Winter


    Es hat sich der Berufverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen BesD gegründet:

    sexwork-deutschland.de

  4. Verfasst von: Stefan


    Hallo!
    Ich gehöre zur anderen Seite des Geschäfts: Seit meinem Single-Dasein habe ich einige Male recht unbedarft die Dienste der Prostitution in Anspruch genommen. Nun, da ich mich etwas genauer mit diesem Thema auseinander setze, stoße ich auf Fragen, die mir niemand so recht zu beantworten weiß. So hörte ich jüngst, 90 % der SexarbeiterInnen tun ihre Arbeit aus einer persönlichen Zwangslage heraus. Auch wenn keine Ausbeutung durch einen Zuhälter im Spiel ist, bin letztendlich ich zu 90 %, auch wenn ich es im Einzelfall nicht konkret erkennen kann, ein Ausbeuter, der die Notlage eines Menschen ausnutzt. Freiwilligkeit ist eben nicht nur eine Frage der bewussten, selbstbestimmten Entscheidung, sondern auch eine Frage dessen, worauf diese basiert. Und es ist mit all dem gesellschaftlichen, gesundheitlichen und seelischen Schadenspotenzial schon ein Unterschied, ob jemand in seinem Bürojob nicht ganz zufrieden ist (aber halt Geld verdienen muss) oder der Prostitution nachgeht. Ich kann das als Freier im Einzelfall nicht beurteilen. Ich will es aber auch nicht durch meine Nachfrage fördern. Und so gibt es noch zahlreiche andere Aspekte, die ich durch meine Nachfrage nicht fördern will. Einzige Alternative: Sexdienstleistungen nicht nachfragen. Nun werden Sie sich fragen: Was hat Kassandra e. V. damit zu tun – schließlich sind wir eine Organisation für Prostituierte, nicht für Freier. Aber an diesem Punkt möchte ich etwas anregen: Auch ein Freier ist ein Mensch mit Werten und Respekt gegenüber dem anderen. Ich denke, zu einer umfassenden Interessenvertretung für Prostituierte gehört es auch, die Freier an die Hand zu nehmen und solche Themen, wie ich sie angesprochen habe, zu erörtern. Aufklärung und Sensibilisierung auch für Freier – das kann doch nur zum Wohle der SexarbeiterInnen sein, oder?

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